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Interview "Mehrhundehaltung"

mit Dipl.-Ing. Kathleen Lange aus Lamspringe
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Liebe Kathleen,
ich habe Dich und Deine Hundegruppe einige Tage miterlebt, durfte auf die Racker aufpassen und freute mich über diese Einblicke.
Rusty und ich waren sofort aufgenommen und fanden Kathleen und ihre Jungs bombastisch!

Frage:
Deine derzeitige Hundegruppe besteht aus wie vielen Hunden?

Antwort:
7 Rüden (4 Labrador Retriever, 2 Weimaraner Kurzhaar und ein Parson Russell Terrier). Hiervon sind 2 kastriert. Dazu kommen immer noch zusätzlich 3 Ausbildungs- oder Pensionshunde, zum Teil auch läufige Hündinnen.

Frage:
Wie arbeitest Du mit Deinen Hunden?

Antwort:
Meist in der Gruppe um sie gleich mit Ablenkung zu konfrontieren und außerdem haben dann die Hunde die nun gerade nicht gearbeitet werden auch eine Aufgabe – nämlich ruhig warten und zuschauen.
Manchmal arbeite ich auch Paarweise – Jung lernt von Alt (Nachahmungslernen).
Und bei den Grundlagen oder besonders bei Verhaltenskorrekturen von Ausbildungshunden arbeite ich teilweise erst einzeln, da die Ausbildungshunde meist das Rudel nicht gewohnt sind und sie einfach zu stark abgelenkt werden.

Meine Hunde haben ein abwechslungsreiches und arbeitsreiches Leben.
Ich lasse sie außerhalb der Jagdsaison (sie werden alle jagdlich geführt) von mir nachgestellte jagdliche Situationen arbeiten. Dies mache ich auch zur Korrektur von  Fehlern, die sich im  Jagdalltag eingeschlichen haben, was schnell passiert wenn man immer mit allen Hunden unterwegs ist.
Dann sind meine „Jungs“ noch sehr engagiert im Dogdance und können viele Dogtricks – wir treten bei Sommerfesten, in Altenheimen und Schulen auf (teilweise auch gemeinsam mit meinem Pferd).
Und außerdem haben sie diverse Aufgaben im Alltag. So z.B. hilft der Labbi „Paul“ in der Welpengruppe wenn die kleinen Racker untereinander zu heftig werden und Labbi „Kolany“ führt in der Hundegruppe der Fortgeschrittenen Obedience vor.
Die „Jungs“ helfen beim Einkäufe auspacken, Brennholz holen, bei der Gartenarbeit,… Man muss einfach nur kreativ sein und seinen Tieren Aufgaben geben.

Frage:
Wie ist das mit Geschwistern?

Antwort:
Schwierig, besonders beim gleichen Geschlecht.
Es ist prinzipiell nicht ratsam, da der Mensch schnell mit zwei gleichalten „Rackern“ überfordert ist. Mensch muss zunächst in die Mehrhundehaltung hineinwachsen. Also erst einen Hund , dann nach ca. 2 Jahren den zweiten Hund und dann so weiter… ;-)
Wenn der Mensch sich gleich 2 Hunde auf einmal anschafft ist er meist überfordert und es passiert schnell, dass er keine Führungskompetenz gegenüber seiner Hunde zeigt und sich sein Rudel verselbstständigt und es zu Auseinandersetzungen zwischen den Hunden kommt.

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Frage:
Was sollte man beachten, bevor man sich einen Zweithund zulegt?

Antwort:
Man muss Zeit haben - Es dauert ca. 1 Jahr bis das Rudel „fertig“ ist. Vorher kann es immer noch zu Problemen kommen.
Man sollte sich genau überlegen, zu was man sich gewachsen fühlt.
Alter, Geschlecht und Charakter spielen eine Rolle.
Man sollte sich vorher folgende Fragen stellen:
Wer wird wohl der Chef der beiden sein? Nehme ich einen jüngeren zu einem älteren Hund? - Das ist ratsamer als anders herum, dann bleibt der "Alteingesessene" der Chef.
Nehme ich einen Welpen? - Diese Lösung ist am einfachsten, man muss allerdings immer den "Alten" unterstützen. Aber im Verhältnis zu den anderen Varianten ist der Menscheneinsatz hier minimal.

Frage:
Welche persönlichen Voraussetzungen sollte man mitbringen, wenn man mehrere Hunde halten möchte?

Antwort:
Durchsetzungsvermögen, KONSEQUENZ, Hundeerfahrung (ansonsten sollte man sich von vornherein Hilfe holen um Fehler zu vermeiden).

Frage:
Welche Gedanken spielen eine wichtige Rolle bei der Mehrhundehaltung?

Antwort:
Prinzipiell geht alles. Nur man sollte es sich nicht unnötig schwer machen. Einen Welpen zu einem erwachsenen Hund (kein Junghund und kein Senior!) ist am unproblematischsten. Je größer der Altersunterschied ist um so einfacher wird es.
Rüde-Rüde (kann zu „Prollerei“ kommen)
Rüde-Hündin (wird einer kastriert, sterilisiert, wer?)
Hündin-Hündin (kann zu „Zickerei“ kommen)
Alles hat Vor-  und Nachteile
Lieber einen ängstlichen oder behinderten zu einem Souveränen als zwei Ängstliche zusammen (geht, ist aber anstrengend für Mensch)

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Frage:
Wie schaut es mit den Pflichten und der Ordnung des Menschen bei einer Hundegruppe aus?

Antwort:
Er ist der Oberchef und teilt alle Ressourcen zu. (Fressen, Streicheleinheiten, Sozialkontakt, Spielzeug,…)
Auf keinen Fall sollte man immer alles sich allein regeln lassen. Man muss immer die ranghöheren Hunde unterstützen. Und das sind meist die, die nicht durch knurren oder schnappen auffallen. Sie wissen wo sie stehen.
Die Rangordnung geht nach meiner Erfahrung immer erst nach dem Alter und dann nach der Lebenserfahrung. Ein Hund der viel mitgenommen wird hat mehr Lebenserfahrung als einer der nur im Zwinger oder Garten lebt.
In einem Rudel ist nie wirklich „Ruhe“. Dadurch dass sich Bedingungen ständig ändern (es reicht schon der Auszug eines erwachsenen Kindes oder die Anschaffung eines anderen Tieres) werden Übereinkünfte der Rudelmitglieder neu definiert. Noch dazu muss man beachten, dass jedem Hund andere Ressourcen wichtig sind (der eine liebt Streicheleinheiten von Herrchen, des andere liebt es zu fressen,…) und dies auch Tagesformabhängig ist.

Frage:
Was würdest Du tun, wenn sich ein Hund in eine bestehende Hundegruppe nicht einfügen kann?

Antwort:
Es geht immer!
In meinem Rudel gibt es keinen „Gruppenausschluss“. Es ist zwar dann immer sehr anstrengend für mich alles zu klären, aber es ist immer möglich.
Ratsam ist es bei „normalen“ Menschen, die weniger Zeit und Erfahrung haben als ich, sich fachkundige Unterstützung einzuholen und gegebenenfalls den Hund aus der Gruppe zu nehmen.
Schwierig sind besonders gleich alte Rüden in der Pubertät oder auch mehrere nicht kastrierte Rüden und eine läufige Hündin.

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Ich danke Dir recht herzlich für das Interview!


Tanja Zemelka
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© Lisa-Kathleen Lange 22.03.2015